FAQs
Warum fotografierst du?
Ich finde es faszinierend, mithilfe der Fotografie eine mediale Realität zu erschaffen, die der Welt die Möglichkeit bietet, sich selbst zu beobachten und die Welt in der Welt erscheinen zu lassen.
Das Medium stellt für mich außerdem eine Möglichkeit zur freien schöpferischen Gestaltung dar, in der ich meine Persönlichkeit sowie Eindrücke, Erfahrungen und Erlebnisse zur Anschauung bringen kann.
Fotografie hat damit für mich das Potenzial, den Bereich gesellschaftlicher Kommunikation über das sprachlich Sagbare hinaus zu erweitern und Kommunikation unter Vermeidung von Sprache durchzuführen.
Was ist Straßenfotografie?
Die Straßenfotografie (engl. Street Photography) ist ein Genre der Fotografie. Ihr zentrales Thema ist die Anfertigung ungestellter Abbildungen von Personen, die sich im öffentlichen Raum (= jeder allg. zugängliche Ort) aufhalten.
Eine fotografische Abbildung ist ungestellt (engl. candid), wenn der Fotograf den Bildinhalt (= das Dargestellte) nicht im Vorfeld der Aufnahme für die Gestaltung derselben positioniert, ausgerichtet und/oder hergerichtet hat.
Zu den wichtigsten Vertretern des Genres vor 1945 zählen Jacques-Henri Lartigue (1894-1986), Brassaï (1899-1984), André Kertész (1894-1985), Walker Evans (1903-1975), Bill Brandt (1904-1983) und Henri Cartier-Bresson (1908-2004).
Wichtige Vertreter seit 1945 sind Robert Frank (1924-2019), William Klein (1928-2022), Garry Winogrand (1928-1984), Daidō Moriyama (geb. 1938), Tod Papageorge (geb. 1940), Mark Cohen (1943) und Bruce Gilden (geb. 1946).
Wichtige Vertreter der Farbfotografie des Genres heißen Harry Callahan (1912-1999), William Eggleston (geb. 1938), Ernst Haas (1921-1986), Joel Meyerowitz (geb. 1938), Stephen Shore (geb. 1947) und Raghubir Singh (1942-1999).
Warum widmest du dich dem Genre der Straßenfotografie?
Der von Menschen belebte öffentliche Raum bietet nach meinem Empfinden einen unerschöpflichen Reichtum an interessanter Lebenswirklichkeit, die flüchtig ist und im Moment ihrer Existenz bereits wieder vergeht.
Die Funktion gelungener Straßenfotografie besteht meiner Ansicht nach darin, dem Bereich realer Realität eine mediale Realität gegenüberzustzellen, die auf andere Weise als im alltäglichen Kontext beobachtet werden kann.
Ein gelungenes Œuvre an Straßenfotografien bietet retrospektiv schließlich auch das Potential, zum Gegenstand der selbstreferentiellen Beschreibung der Gesellschaft und damit zum Teil des kollektiven Gedächtnisses zu werden.
Warum fotografierst du ausschließlich in Schwarzweiß?
Man kann die Einheit einer Farbfotografie als die Differenz aus Colore und Disegno begreifen und sich damit an den Ausführungen Giorgio Vasaris (1511-1574) zur unione del colorito aus seinem Werk Vite (1550/1568) orientieren.
Mit Colore ist die überzeugende farbkompositorische und farbgestalterische Verbindung der Bildfarben gemeint, mit Disegno die geistige und formale Ordnung des Abgebildeten, die nach Abzug der Farbe verbleibt.
In der Farbfotografie geht es darum, die Einheit aus Colore und Disegno zusammen zur Wirkung zu bringen, wobei nicht selten das Primat einer schillernden, schmeichelhaften und salienten Farbigkeit gilt.
Eine Schwarzweißfotografie ist aus meiner Sicht durch den Verzicht auf Farbe auf das Disegno reduziert, weil die Farbhelligkeitsnuancen des sichtbaren Lichts in Grauwertabstufungen abgebildet werden.
Durch diese Reduzierung wird das formale und konzeptuelle Gerüst einer Fotografie freigelegt. Nicht umsonst ist eine Schwarzweißfotografie traditionell der Prüfstein für die Beurteilung der Qualität einer Fotografie.
Da eine Schwarzweißfotografie zusätzlich die visuelle Wahrnhemung verzögert und so eine eingehende Auseinandersetzung mit dem angebildeten Motiv ermöglicht, fotografiere ich ausschließlich in Schwarzweiß.
Was zeichnet eine gelungene Fotografie aus?
Eine Fotografie ist nach meinem Dafürhalten gelungen, wenn die Einheit aus Inhalt und Form der Darstellung beim Betrachten als passend empfunden wird und das wahrnehmende Bewusstsein bindet und fasziniert.
Mit Inhalt meine ich das fotografierte Bezugsobjekt (= den Referenten, d.h. das, was die Fotografie darstellt); mit Form die Komposition, d.h. die Auswahl und Anordnung visueller Elemente nach gestalterischen Ordnungsprinzipien.
Die Einheit aus Inhalt und Form kann nicht nur einen denotativen Charakter aufweisen, d.h. sich in der reinen Abbildung des Dargestellten erschöpfen, sondern darüber hinaus einen konnotativen Charakter annehmen.
Eine Fotografie hat einen konnotativen Charakter, wenn ihm das wahrnehmende Bewusstsein eine assoziative, emotionale, stilistische, ikonografische und/oder wertende Nebenbedeutung als zusätzlichen Sinngehalt zuschreibt.
Der stärkste Indikator für die Qualität einer Fotografie ist nach meinem Dafürhalten, wenn sich Personen nicht auf eine einhellige Interpretation verständigen können, weil die Fotografie inhärent vieldeutig (polysem) angelegt ist.
Nicht zuletzt gibt es in der Fotografie eine Prämie auf die Komplexität des Arrangements der Einheit von Inhalt und Form, weil Komplexität die Chance bietet, auch bei wiederholter Rezeption etwas Neues zu entdecken.
Ist Straßenfotografie in Deutschland legal?
Das BVerfG hat 2018 festgestellt, dass „die ungestellte Abbildung von Personen ohne vorherige Einwilligung, welche strukturtypisch für die Straßenfotografie ist” solange von der Kunstfreiheit geschützt ist, bis „eine schwerwiegende Beeinträchtigung des Persönlichkeitsrechts zweifelsfrei” verwirklicht ist (Beschluss v. 8.2.2018 – 1 BvR 2112/15, Rn. 21 ff.).
Die zentralen Normen, nach denen sich die Rechtmäßigkeit von Straßenfotografie-Fällen in Deutschland richten, sind Art. 6 DS-GVO, § 23 KUG und § 823 BGB. Alle drei Normen sehen in solchen Fällen eine Abwägungsprüfung vor.
Ob die Anfertigung und mögliche spätere Veröffentlichung und Verbreitung einer Straßenfotografie rechtmäßig ist, hängt damit de lege lata von den Umständen des Falls und der getroffenen Abwägungsentscheidung ab.

