Warum fotografierst du?
Das Medium Fotografie ist für mich eine Möglichkeit der freien schöpferischen Gestaltung, mit der ich etwas prinzipiell Inkommunikables – nämlich Aspekte meiner Wahrnehmung – zur Anschauung bringen kann.
Außerdem kann ich mithilfe der Fotografie eine eigene mediale Realität erschaffen, die sich von der gewohnten Realität unterscheidet und die es ermöglicht, die Welt in der Welt (ein sog. Re-entry) erscheinen zu lassen.
Beim Betrachten einer Fotografie wird dem Bereich realer Realität folglich nach meinem Verständnis eine mediale Realität gegenübergestellt, die auf andere Weise als im alltäglichen Kontext beobachtet werden kann.
Fotografie hat damit für mich das Potenzial, beim Betrachten den Bereich gesellschaftlicher Kommunikation über das sprachlich Sagbare hinaus zu erweitern und Kommunikation unter Vermeidung von Sprache durchzuführen.
Was ist Straßenfotografie?
Die Straßenfotografie (engl. Street Photography) ist ein Genre der Fotografie. Ihr zentrales Thema ist die Anfertigung ungestellter Abbildungen von Personen, die sich im öffentlichen Raum (= jeder allg. zugängliche Ort) aufhalten.
Eine Fotografie ist ungestellt, wenn die fotografierende Person den Bildinhalt nicht vor dem unmittelbaren Ansetzen zum Auslösen der Kamera für die Gestaltung der Aufnahme positioniert, ausgerichtet und/oder hergerichtet hat.
Mit Bildinhalt ist die Gesamtheit des Abgebildeten (= der Referenten i.S.d. Semiotik) gemeint, nicht aber die Motivbetrachtung selbst, die durch foto-technische und räumlich-zeitliche Selektionsparameter festgelegt wird.
Allgemein bezeichnet der Begriff Straßenfotografie eine fotografische Praxis, die darauf ausgerichtet ist, das sich im öffentlichen Raum ereignende Leben und dessen Kontext (überwiegend aus der Fußgängerperspektive) abzubilden.
Warum widmest du dich dem Genre der Straßenfotografie?
Der von Menschen belebte öffentliche Raum bietet nach meinem Empfinden einen unerschöpflichen Reichtum an interessanter Lebenswirklichkeit, die flüchtig ist und viel über die Wesensmerkmale des Menschseins offenbart.
Das Einfangen dieser flüchtigen Momente des öffentlichen Lebens bereitet mir große Freude und bietet als mediale Realität nicht nur das Potenzial, die reale Realität zu imitieren, sondern diese auch zu affirmieren oder zu kritisieren.
Außerdem handelt es sich bei der Straßenfotografie nach meinem Dafürhalten aufgrund ihrer fordernden Methodik, des zu investierenden Maßes an Hingabe und ihres authentischen Ertrags um die Königsdisziplin der Fotografie.
Ferner verstehe ich die Straßenfotografie als künstlerisches Ausdrucksmittel, mit dem ich nicht nur Ausschnitte der Welt abbilde, sondern ebenso Aspekte meiner Wahrnehmung und meiner Persönlichkeit visuell kommuniziere.
Was zeichnet eine gelungene Fotografie aus?
Eine Fotografie ist nach meinem Dafürhalten gelungen, wenn die Einheit aus Inhalt und Form der Darstellung beim Betrachten als passend empfunden wird und diese Einheit das wahrnehmende Bewusstsein bindet und fasziniert.
Mit Inhalt meine ich das fotografierte Bezugsobjekt (= den Referenten, d.h. das, was die Fotografie darstellt); mit Form die Komposition, d.h. die Auswahl und Anordnung visueller Elemente nach gestalterischen Ordnungsprinzipien.
Die Einheit aus Inhalt und Form kann nicht nur einen denotativen Charakter aufweisen, d.h. sich in der reinen Abbildung des Dargestellten erschöpfen, sondern darüber hinaus einen konnotativen Charakter annehmen.
Eine Fotografie hat einen konnotativen Charakter, wenn ihr das wahrnehmende Bewusstsein eine emotionale, assoziative, stilistische, ikonografische und/oder wertende Nebenbedeutung als zusätzlichen Sinngehalt zuschreibt.
Warum fotografierst du ausschließlich in Schwarzweiß?
In der Farbfotografie kommt es darauf an, durch eine überzeugende farbkompositorische und farbgestalterische Verbindung der Bildfarben die Einheit aus Inhalt und Form zusammen zur Geltung zu bringen.
In der Schwarzweißfotografie hingegen werden die Farbhelligkeitsnuancen des sichtbaren Lichts in Grauwerte übersetzt, weshalb eine Schwarzweißfotografie im Vergleich zu einer Farbfotografie inhaltlich reduziert ist.
Durch diese Reduzierung wird die visuelle Wahrnehmung verzögert und eine eingehendere Auseinandersetzung mit der Fotografie provoziert, weil die fotografische Realität von der chromatischen Alltagswahrnehmung abweicht.
Außerdem legt eine Schwarzweißfotografie aus meiner Sicht das konzeptuelle und formale Gerüst einer Fotografie frei, das traditionell der Prüfstein für die Beurteilung der Qualität einer Fotografie ist.
Ist Straßenfotografie in Deutschland legal?
Die kurze Antwort lautet: Ja, Straßenfotografie ist in Deutschland grundsätzlich legal, aber es kommt darauf an, was und wie genau man fotografiert und ob, und wenn ja, in welcher Form man die Bilder veröffentlicht und verbreitet.
Die zentralen Normen, nach denen sich die Rechtmäßigkeit von Straßenfotografie-Fällen in Deutschland richten, sind Art. 6 DSGVO, § 23 KUG und § 823 BGB. Alle drei Normen sehen in solchen Fällen eine Abwägungsprüfung vor.
Ferner sind bei der Abwägung im Wege der sog. mittelbaren Drittwirkung die Grundrechte der beteiligten Personen, in erster Linie das Persönlichkeitsrecht der abgebildeten Person und die Kunstfreiheit des Fotografen zu beachten.
Das Bundesverfassungsgericht hat vor diesem Hintergrund im Jahr 2018 die ungestellte Straßenfotografie als Kunstform i.S.d. Art. 5 Abs. 3 GG anerkannt und in dem Beschluss (v. 8.2.2018 – 1 BvR 2112/15) wie folgt ausgeführt:
„Die ungestellte Abbildung von Personen ohne vorherige Einwilligung” ist so lange von der Kunstfreiheit geschützt, bis eine „schwerwiegende Beeinträchtigung des Persönlichkeitsrechts zweifelsfrei” verwirklicht ist (a.a.O. Rn. 21 ff.).
Ob die Anfertigung und die mögliche spätere Veröffentlichung und Verbreitung einer Straßenfotografie rechtmäßig sind, hängt damit de lege lata von den Umständen des Falls und den getroffenen Abwägungsentscheidungen ab.

