Warum fotografierst du?
Das Medium Fotografie ist für mich eine Möglichkeit der freien schöpferischen Gestaltung, mit dem ich etwas prinzipiell Inkommunikables – nämlich Aspekte meiner Wahrnehmung – zur Anschauung bringen kann.
Außerdem kann ich mithilfe der Fotografie eine eigene mediale Realität erschaffen, die sich von der gewohnten Realität unterscheidet und die es ermöglicht, die Welt in der Welt (ein sog. Re-entry) erscheinen zu lassen.
Beim Betrachten einer Fotografie wird dem Bereich realer Realität folglich nach meinem Verständnis eine mediale Realität gegenübergestellt, die auf andere Weise als im alltäglichen Kontext beobachtet werden kann.
Fotografie hat damit für mich das Potenzial, den Bereich gesellschaftlicher Kommunikation über das sprachlich Sagbare hinaus zu erweitern und Kommunikation unter Vermeidung von Sprache durchzuführen.
Was ist Straßenfotografie?
Die Straßenfotografie (engl. Street Photography) ist ein Genre der Fotografie. Ihr zentrales Thema ist die Anfertigung ungestellter Abbildungen von Personen, die sich im öffentlichen Raum (= jeder allg. zugängliche Ort) aufhalten.
Eine fotografische Abbildung ist ungestellt (engl. candid), wenn der Fotograf den Bildinhalt (= das Dargestellte) nicht im Vorfeld der Aufnahme für die Gestaltung derselben positioniert, ausgerichtet und/oder hergerichtet hat.
Die Praxis des ungestellten Fotografierens von Menschen im öffentlichen Raum ist so alt wie die Fotografie selbst; der Begriff „Street Photography” etablierte sich als Bezeichnung für das künstlerische Genre Mitte der 1950er-Jahre.
Ikonen des Genres sind Henri Cartier-Bresson (1908–2004), Robert Frank (1924–2019), Garry Winogrand (1928–1984), William Klein (1928–2022), Daidō Moriyama (geb. 1938), Tod Papageorge (geb. 1940) und Bruce Gilden (geb. 1946).
Warum widmest du dich dem Genre der Straßenfotografie?
Der von Menschen belebte öffentliche Raum bietet nach meinem Empfinden einen unerschöpflichen Reichtum an interessanter Lebenswirklichkeit, die flüchtig ist und viel über die Wesensmerkmale des Menschseins offenbart.
Das Einfangen dieser Momente des öffentlichen Lebens bereitet mir große Freude. Ferner haben Straßenfotografien aus meiner Sicht das Potential, zum Gegenstand der selbstreferentiellen Beschreibung der Gesellschaft zu werden.
Außerdem handelt es sich bei der Straßenfotografie nach meinem Dafürhalten aufgrund ihrer fordernder Methodik, des zu investierenden Maßes an Hingabe und ihres authentischen Ertrags um die Königsdisziplin der Fotografie.
Zu guter Letzt können gelungene Straßenfotografie den Wiedereintritt der Welt in die Welt dadurch symbolisieren, dass sie, wie die Welt selbst, als nicht ergänzungsfähig erscheinen.
Was zeichnet eine gelungene Fotografie aus?
Eine Fotografie ist nach meinem Dafürhalten gelungen, wenn die Einheit aus Inhalt und Form der Darstellung beim Betrachten als passend empfunden wird und diese Einheit das wahrnehmende Bewusstsein bindet und fasziniert.
Mit Inhalt meine ich das fotografierte Bezugsobjekt (= den Referenten, d.h. das, was die Fotografie darstellt); mit Form die Komposition, d.h. die Auswahl und Anordnung visueller Elemente nach gestalterischen Ordnungsprinzipien.
Die Einheit aus Inhalt und Form kann nicht nur einen denotativen Charakter aufweisen, d.h. sich in der reinen Abbildung des Dargestellten erschöpfen, sondern darüber hinaus einen konnotativen Charakter annehmen.
Eine Fotografie hat einen konnotativen Charakter, wenn ihm das wahrnehmende Bewusstsein eine emotionale, assoziative, stilistische, ikonografische und/oder wertende Nebenbedeutung als zusätzlichen Sinngehalt zuschreibt.
Warum fotografierst du ausschließlich in Schwarzweiß?
In der Farbfotografie geht es darum, mithilfe einer überzeugenden farbkompositorischen und farbgestalterischen Verbindung der Bildfarben die Einheit aus Inhalt und Form einer Fotografie zur Geltung zu bringen.
In der Schwarzweißfotografie hingegen werden die Farbhelligkeitsnuancen des sichtbaren Lichts in Grauwerte übersetzt, wodurch eine Schwarzweißfotografie im Vergleich zu einer Farbfotografie inhaltlich reduziert ist.
Durch den Verzicht auf den chromatischen Reiz wird die visuelle Wahrnehmung verzögert und eine eingehendere Auseinandersetzung mit dem Motiv ermöglicht, weil die Abbildung nicht der Alltagswahrnehmung entspricht.
Durch die Reduzierung wird nach meinem Verständnis außerdem das konzeptuelle und formale Gerüst einer Fotografie freigelegt, das als Schwarzweißfotografie traditionell der Prüfstein für Qualität einer Fotografie ist.
Ist Straßenfotografie in Deutschland legal?
Die kurze Antwort lautet: Ja, Straßenfotografie ist in Deutschland grundsätzlich legal, aber es kommt darauf an, was und wie genau man fotografiert und ob, und wenn ja, in welcher Form man die Bilder veröffentlicht und verbreitet.
Die zentralen Normen, nach denen sich die Rechtmäßigkeit von Straßenfotografie-Fällen in Deutschland richten, sind Art. 6 DSGVO, § 23 KUG und § 823 BGB. Alle drei Normen sehen in solchen Fällen eine Abwägungsprüfung vor.
Ferner sind bei der Abwägung im Wege der sog. mittelbaren Drittwirkung die Grundrechte der beteiligten Personen, in erster Linie das Persönlichkeitsrecht der abgebildeten Person und die Kunstfreiheit des Fotografen zu beachten.
Das Bundesverfassungsgericht hat vor diesem Hintergrund im Jahr 2018 die ungestellte Straßenfotografie als Kunstform i.S.d. Art. 5 Abs. 3 GG anerkannt und in dem Beschluss (v. 8.2.2018 – 1 BvR 2112/15) wie folgt ausgeführt:
„Die ungestellte Abbildung von Personen ohne vorherige Einwilligung” ist solange von der Kunstfreiheit geschützt, bis eine „schwerwiegende Beeinträchtigung des Persönlichkeitsrechts zweifelsfrei” verwirklicht ist (a.a.O. Rn. 21 ff.).
Ob die Anfertigung und mögliche spätere Veröffentlichung und Verbreitung einer Straßenfotografie rechtmäßig ist, hängt damit de lege lata von den Umständen des Falls und der getroffenen Abwägungsentscheidung ab.

