Blick in die Ausstellung „Höltzers Persien // Update Iran“ in der Zentralen Kustodie im Löwengebäude. An den Wänden sind Fotografien des thüringischen Telegrafeningenieurs Ernst Höltzer zu sehen. (Foto: Julian Jakob Strauß)
Ein Blick in unerreichbare Fernen
Beim Betreten der Ausstellung legt sich der leise akustische Schleier klassischer persischer Vokalmusik über die Stille im Raum. Mit ihrem Gesang beschwört die iranische Sängerin Mahsa Vahdat in einer eigentümlichen Mischung aus Wärme und Wehmut die Schatten längst vergangener Zeiten herauf.
Wo die Bilder wie leise flüsternde Zeugen der Geschichte von der prachtvollen Aussicht auf die Stadt Isfahan , im Fluss arbeitenden Kattunwäschern oder einer eleganten armenischen Hochzeitsgesellschaft erzählen, erzeugt die Melodie eine zarte und innige Atmosphäre, die ein Bewusstsein für Persien als fernen historischen Kulturraum schafft.
Höltzers Persien
In der Ausstellung präsentiert das Universitätsmuseum 200 sorgfältig gerahmte und passepartourierte Fotografien Ernst Höltzers (1835–1911). Der Ingenieur, der 1863 im Alter von 28 Jahren für eine projektbezogene Anstellung beim indo-europäischen Telegrafenbau nach Persien zog, fertigte in seiner Freizeit zwischen 1868 und 1897 über 3000 Glasplattennegative an, mit denen er die im Wandel begriffene Kultur des Landes dokumentierte.
Zu seinen Motiven zählen neben Stadtansichten, Landschaften, Gebäuden und Porträts insbesondere verschiedenste Berufsgruppen. Da sich Höltzer ab 1864 zusammen mit seiner Familie häuslich im armenischen Stadtteil Dschulfa in Isfahan niederließ, konzentriert sich seine Arbeit auf die in der Landesmitte gelegene Stadt. Zusammen mit akribischen schriftlichen Aufzeichnungen mutet sein Werk wie ein enzyklopädischer Bildkatalog des über 2500 Jahre alten Ortes an.
Seinen Antrieb zur systematischen Dokumentation der persischen Kultur beschrieb Höltzer selbst wie folgt: „Persien und auch Is[f]ahan steh[en] auf der Schwelle der Kulturumwandlung […]. Die alten Gebäude, Sitten und Gebräuche (selbst die Kleidung) verschwinden allmählich, so da[ss] in wenigen Jahren vieles […] gar nicht mehr aufzufinden sein wird.“
Die optische Archivierung der Welt
Höltzers fotografische Gestaltungskunst steht im Zeichen seines akribischen dokumentarischen Anspruchs. Ihm gelingt es, die im 19. Jahrhundert typische Arbeitsweise, Bilder sorgfältig zu arrangieren, für die dokumentarische Aufgabe der Fotografie nutzbar zu machen. Die von ihm fotografierten Berufsgruppen – seien es Tuchhändler, Wollkämmer oder Kaufleute – muten wie der Versuch einer systematischen Erfassung im Stil einer vagen sozialen Typologie an.
Ebenso erwecken die von Höltzer fotografierten Stadtansichten, Gebäude und architektonischen Details den Eindruck, kulturhistorische Zeugnisse vor ihrem möglichen Verfall bewahren zu wollen. Besonders deutlich wird dieser dokumentarische Impuls in einer aus zwei Fotografien zusammengesetzten Panoramaaufnahme des Naqsch-e-Dschahan-Platzes („Platz des Abbildes der Welt“), eines der größten Plätze der Welt und heute UNESCO-Weltkulturerbe.
Selbst viele seiner Porträts, die persische Würdenträger abbilden, scheinen in erster Linie an der repräsentativen Funktion der jeweils fotografierten Person interessiert zu sein. Insgesamt entsteht der Eindruck, dass für Höltzers Fotografie nicht nur die systematische Dokumentation, sondern auch die anschließende Archivierung der persischen Kultur konstitutiv ist. Seine Fotografien verwandeln Personen und Gegenstände in Bilder und bewahren sie als Bilder auf, die selbst nach ihrem Verschwinden von ihrer Existenz zeugen.
Update Iran
Im zweiten Teil der Ausstellung ergänzt das Museum Höltzers europäisch geprägten Blick um zeitgenössische Perspektiven iranischer Künstlerinnen. Das aufwendig inszenierte Tableau vivant (wörtl. lebendes Bild) von Azadeh Akhlaghi (*1978) etwa stellt eine fiktive Gefängnisszene aus dem Jahr 1975 nach, in der weibliche Gefangene des Qasr-Gefängnisses in Teheran das Stück „Der kleine Prinz“ aufführen. Ihr großformatig abgezogenes Werk orientiert sich an der Tradition der Historienmalerei, die sie mit den Mitteln der Fotografie effektvoll umsetzt.
In einem separaten Raum werden unter dem Titel „Frauenbilder“ Fotografien Höltzers, die ausschließlich Frauen darstellen, ausgestellt. Über ihnen hängen vier großformatige Selbstporträts Shadi Ghadirians (*1974), die sie inmitten großstädtischer Passantenströme zeigen. Die Gegenüberstellung setzt der historischen Fremddarstellung eine zeitgenössische Selbstrepräsentation entgegen und lädt dazu ein, Fragen zu stellen: Wer hatte damals die Möglichkeit, Bilder zu produzieren? Wer durfte wen fotografieren? Und wie unterscheiden sich Darstellungen?
Inmitten der historischen Fotografien Höltzers befindet sich im Hauptraum der Ausstellung außerdem eine Videoinstallation der ebenfalls im Iran geborenen Künstlerin Tahmineh Monzavi (*1988), in der zusammen mit der eingangs erwähnten Sängerin Vahdat und dem von ihr vorgetragenen Gesang die Aura von verlassenen Orten evoziert werden soll. Die Präsentation beinhaltet ferner Werke von Sonia Balassanian (*1942) und Gast Simon Wachsmuth (*1964).
Die Geschichte der Glasplatten
Angestellte der Familie zweckentfremdeten nach Höltzers Tod im Jahr 1911 einige der Glasplatten-Negative zum Bau von Gewächshäusern. Andere gingen im Lauf der Jahre auf andere Weise verloren. Von den ursprünglich hergestellten über 3000 Negativen sind heute noch etwa 1000 erhalten. Diese gelangten 1963 im Gepäck einer Enkelin nach Deutschland und tauchten 1969 in ihrem Keller wieder auf.
Der wissenschaftlichen Sammlung der Universität ist im Jahr 2020 ein Konvolut, bestehend aus den noch erhaltenen Fotografien sowie anderen umfangreichen Selbstzeugnissen Höltzers, übergeben worden. Sein Werk wird im Rahmen der Ausstellung erstmals einer deutschen Öffentlichkeit systematisch und wissenschaftlich aufbereitet präsentiert.
Nachhall der Vergangenheit
Beim Verlassen der Ausstellung klingt der Gesang Mahsa Vahdats noch nach. Die von ihr heraufbeschworenen Schatten längst vergangener Zeiten scheinen in Höltzers Fotografien in etwas Dauerhaftes überführt worden zu sein. Doch so sichtbar die Vergangenheit durch seine Bilder wird, erreichbar wird sie dadurch nicht.
Der Gang durch die Ausstellung gleicht einer Reise in eine Geschichte, die man nie selbst hat erleben können. Die Arbeiten der iranischen Künstlerinnen führen schließlich zurück in die Gegenwart und machen deutlich, wie sich der Blick auf Geschichte verändert, wenn diejenigen selbst zu Bildproduzentinnen werden, die in historischen Fotografien häufig nur als Betrachtete erscheinen.
Die Ausstellung findet vom 18. September 2026 bis zum 28. Februar 2027 in den Ausstellungsräumen des Universitätsmuseums im ersten Geschoss des Löwengebäudes statt. Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag, 13 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei. Die Ausstellung wurde konzipiert und kuratiert von Susanne Altmann (Kunsthistorikerin) und Dirk Schaal (Leiter Zentrale Kustodie).

